Schlafend, mit aufgerissenen Augen lag sie da. Kämpfte sie
um ihr Leben, wehrte unsichtbare Gegner ab- gurgelnde Schreie und ersticktes
Wimmern. Und doch war da jemand, der Feind, musste da sein, wollte sie
hinunterreißen, jetzt wo es doch dunkel war. Mit einem dumpfen Umpf stieß ihr
Kopf an die Wand, das war sein letzter Angriff, sie fasste nach dem Arm und
schließlich besiegte sie ihn mit ihren Zähnen. Größer werdende Blutflecken im
fahlen Mondlicht. Nicht wieder. Doch.
Mit einem Ruck saß sie starr und völlig aufrecht in ihrem
Bett, einen Lidschlag später war sie bereits mit dem Kopf voran über die
Bettkante gerollt, fiel auf eine leere Weinflasche. Sie brach nicht. Mit
letzter Kraft erreicht ihr Kinn die Kante der Toilette. (Deckel immer offen.)
Sie brach. Sie brach alles heraus- Schmerzen, Übelkeit, Hass auf sich und ihren
Körper. Die Erinnerungen blieben. Die ganze Welt, die ganze verdammte Welt in
Kotze ersaufen, in ihrer Kotze, nichts wünschte sie mehr. Sie und die Toilette
blieben durch Fäden verbunden. Ein fester Verband, schon seit langer Zeit.
Schwer atmend sackte sie zusammen. Eiskalte blasse Finger, mit diesen
Fremdkörpern begann sie ihren Fremdkörper abzutasten. Narben von Wunden, von
manchen war sie die Urheberin. Ein klebriges, verquollenes Etwas, das mal ein
Gesicht war. Das gibt es nur noch auf dem Ausweisfoto. Brüste, frierend, hart. Als
ihre Hände weiter nach unten glitten, kotzte sie erneut, diesmal noch mehr als
zuvor.
Dann wieder Dunkelheit. Das Badezimmer war fensterlos, kein
Sonnenstrahl drang hinein. Es war bereits später Nachmittag, als sie aufwachte.
Sie erhob sich schwach, zittrig, ihre Hände suchten an den glatten Fliesen nach
Halt und sie brauchte einige Zeit, bis sie mit schwankenden Schritten zurück
ins Schlafzimmer ging. Sie stand vor dem großen Spiegelschrank und Tränen
vermischten sich mit Schweiß. Sie strich sich eine nasse Strähne aus dem
Gesicht und wenn sich noch irgendetwas in ihrem Magen befunden hätte, dann wäre
es jetzt auf der glatten Oberfläche des Spiegels gelandet. Diesmal verlief der
Brechreiz ins Leere.
Das heiße Bad und die große Kanne Tee halfen tatsächlich
etwas. Sie fühlte sich sogar in der Lage etwas zu essen, sie spürte, wie ihr
Körper vor Hunger zitterte. Ganz langsam kaute sie das Brot, irgendwann war nur
noch ein dünner Brei in ihrem Mund, das Schlucken kostete Überwindung. Doch sie
und ihr Körper schafften es, das Essen blieb in ihrem Magen. Sie begann, so
etwas wie Lebensmut in sich zu spüren. Plötzlich fiel ihr die Verabredung
wieder ein, die sie heute Abend hatte. Scheiße. Absagen? Draußen versank die
Sonne bereits am in sanftem Blut getränkten Himmel. Sie blickte auf die Uhr an
der Küchenwand, beobachtete für einen kurzen Moment den sich ruckartig
bewegenden Sekundenzeiger, ehe sie registrierte, dass es bereits fast neun war.
Sie hatte ihr Zeitgefühl völlig verloren. Vermutlich war er kurz davor,
loszufahren. Er. Allein das wäre Grund genug, die ganze Sache abzublasen.
Normalerweise löste der Gedanke an Männer in ihr ebenfalls Brechreiz aus. Und
wahnsinnige Wut. Wenn sie ein Messer bei sich hätte, müsste sie aufpassen,
nicht auf der Straße den nächstbesten Typen niederzustechen. Dachte aber auch
daran, wie behütet sie wohl in der Psychiatrie oder im Gefängnis vor sich und
anderen wäre. Drauf geschissen- Therapien hatte sie doch schon genug hinter
sich und außer dem nur kurz währenden Gefühl, dass sich um sie gekümmert wird,
half ja alles auch nichts. Alle versuchen sie zu verstehen, aber keiner kann
es, sie geben sich alle so viel Mühe, zumindest in jungen Jahren. Auch sie
würde sich gerne verstehen.
Auf Arbeit war sie immer zurückgezogen in ihrem kleinen,
abgeschiedenen Büro, sprach fast nie mit jemandem. Er hatte es trotzdem
geschafft sie anzusprechen, er war hartnäckig, interessiert und fasziniert zu
gleich. Sie hat es irgendwann nicht mehr geschafft, ihre Blockade aufrecht zu
erhalten und ein wenig Sympathie war wohl auch dabei. Bei jedem Gespräch stand
ihr Körper trotzdem unter drückender Spannung. Sie begann sich zu überwinden,
ihm anzuvertrauen. Nur ein ganz klein wenig.
Sie beschloss, sich anzuziehen, frisieren, schminken, die komplette
Fassade eben. Es gelang ihr, ihre Angst unter vielen Farbschichten zu bedecken.
Wenig später klingelte es, das Öffnen der Tür kostete viel Überwindung, sie lächelte
ihn verkrampft an.
Er hielt in der Hand einen Strauß Wildblumen, sie
heuchelte Dankbarkeit und stellte sie in ein Glas mit Wasser, bevor sie
gemeinsam gingen. Sie spürte den Geruch der von ihm ausging und stellte
erleichtert fest, dass er nicht nach Mann roch. Das erleichterte die Sache für
sie etwas.
Jetzt im Club, viele Beats, wenig Melodie, Schweiß und
Befreiung breiteten sich aus. Der Rhythmus begann sie zu lösen, es war
Ewigkeiten her, als sie das letzte Mal getanzt hatte. Die Momente, in denen die
Bilder aus ihrem Kopf verschwanden, wurden häufiger und länger, es gab
Berührungen ohne Abwehrreaktionen.
Irgendwann endete die Nacht gemeinsam auf ihrem Sofa mit
einer Flasche Wein, Alkohol erreichte, was kein Psychologe schaffen könnte.
Ihre Worte schwebten im Kerzenlicht durch den Raum und vereinigten sich, die
Atmosphäre angesichts ihrer schreienden Bilder an der roten Wand wirkte
befremdlich. Ein Hauch von Hirnfick, von geistigem Orgasmus lag in der Luft,
sie war sich sicher, dass sie gar nichts sagen braucht, er weiß es schon.
Plötzlich begann sie seine Nähe an ihrem toten Körper zu
spüren, stand hastig auf, meinte, sie müsse sich noch mal kurz frisch machen
und verließ das Zimmer. Während sie sich umzog, betrachtete sie die Tränen auf
ihrer Wange im Spiegel. Eine Weile stand sie regungslos so da, dann wandte sie
sich ab, ging leise in die Küche und zog ein scharfes Messer aus dem Schubfach.
Er spürte die seltsame Spannung in der Luft, als er sie den
Raum betreten sah. Aber auf einmal schien ihm alles egal, er legte sein ganzes
Herz in sie und ihr Tun. Sie beugte sich über ihn und begann ihn mit zitternder
Entschlossenheit auszuziehen. Vollkommen willenlos lag er da auf ihrem Sofa,
sie hielt für einen Moment inne. Seine Haut schimmerte wie ein gelüftetes
Geheimnis im fahlen Licht. Schönheit und Ekel so nahe beieinander. Als sie das
Messer hervorzog, blieb er vollkommen ruhig. Es schien, als habe er darauf
gewartet. Sie desinfizierte es vor seinen Augen und hielt es noch einmal kurz
in die Höhe, man sah, wie sich die Flamme der Kerze in der Klinge spiegelte.
ES IST DAS RICHTIGE sagte er nur. Sie holte mit ruhiger Hand
aus und führte den Schnitt sauber aus. Während sie ihn sorgfältig und mit
scheinbar medizinischer Erfahrung verband, küsste sie ihn ständig auf seinen
heißen, schwitzenden Körper. JETZT SIND WIR GLEICHBERECHTIGTE PARTNER. Während
sie das sagte, rührte sie ihm Schmerzmittel ins Weinglas. Anschließend legte
sie seinen Kopf auf ihren Schoß und fuhr ihm immer wieder mit der Hand durchs
dichte Haar.
Irgendwann wachte er in der Nacht auf, sie saßen jetzt
nebeneinander und betrachteten das blutige Päckchen aus Stofftüchern auf dem
Tisch. Sie sagten beide kein Wort. Nur die Gedanken: Es war Liebe, was ihn entwaffnet hatte.
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