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K U L T !

Entwaffnung
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von fremdkoerper,

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Schlafend, mit aufgerissenen Augen lag sie da. Kämpfte sie um ihr Leben, wehrte unsichtbare Gegner ab- gurgelnde Schreie und ersticktes Wimmern. Und doch war da jemand, der Feind, musste da sein, wollte sie hinunterreißen, jetzt wo es doch dunkel war. Mit einem dumpfen Umpf stieß ihr Kopf an die Wand, das war sein letzter Angriff, sie fasste nach dem Arm und schließlich besiegte sie ihn mit ihren Zähnen. Größer werdende Blutflecken im fahlen Mondlicht. Nicht wieder. Doch.

Mit einem Ruck saß sie starr und völlig aufrecht in ihrem Bett, einen Lidschlag später war sie bereits mit dem Kopf voran über die Bettkante gerollt, fiel auf eine leere Weinflasche. Sie brach nicht. Mit letzter Kraft erreicht ihr Kinn die Kante der Toilette. (Deckel immer offen.) Sie brach. Sie brach alles heraus- Schmerzen, Übelkeit, Hass auf sich und ihren Körper. Die Erinnerungen blieben. Die ganze Welt, die ganze verdammte Welt in Kotze ersaufen, in ihrer Kotze, nichts wünschte sie mehr. Sie und die Toilette blieben durch Fäden verbunden. Ein fester Verband, schon seit langer Zeit. Schwer atmend sackte sie zusammen. Eiskalte blasse Finger, mit diesen Fremdkörpern begann sie ihren Fremdkörper abzutasten. Narben von Wunden, von manchen war sie die Urheberin. Ein klebriges, verquollenes Etwas, das mal ein Gesicht war. Das gibt es nur noch auf dem Ausweisfoto. Brüste, frierend, hart. Als ihre Hände weiter nach unten glitten, kotzte sie erneut, diesmal noch mehr als zuvor.

Dann wieder Dunkelheit. Das Badezimmer war fensterlos, kein Sonnenstrahl drang hinein. Es war bereits später Nachmittag, als sie aufwachte. Sie erhob sich schwach, zittrig, ihre Hände suchten an den glatten Fliesen nach Halt und sie brauchte einige Zeit, bis sie mit schwankenden Schritten zurück ins Schlafzimmer ging. Sie stand vor dem großen Spiegelschrank und Tränen vermischten sich mit Schweiß. Sie strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht und wenn sich noch irgendetwas in ihrem Magen befunden hätte, dann wäre es jetzt auf der glatten Oberfläche des Spiegels gelandet. Diesmal verlief der Brechreiz ins Leere.

Das heiße Bad und die große Kanne Tee halfen tatsächlich etwas. Sie fühlte sich sogar in der Lage etwas zu essen, sie spürte, wie ihr Körper vor Hunger zitterte. Ganz langsam kaute sie das Brot, irgendwann war nur noch ein dünner Brei in ihrem Mund, das Schlucken kostete Überwindung. Doch sie und ihr Körper schafften es, das Essen blieb in ihrem Magen. Sie begann, so etwas wie Lebensmut in sich zu spüren. Plötzlich fiel ihr die Verabredung wieder ein, die sie heute Abend hatte. Scheiße. Absagen? Draußen versank die Sonne bereits am in sanftem Blut getränkten Himmel. Sie blickte auf die Uhr an der Küchenwand, beobachtete für einen kurzen Moment den sich ruckartig bewegenden Sekundenzeiger, ehe sie registrierte, dass es bereits fast neun war. Sie hatte ihr Zeitgefühl völlig verloren. Vermutlich war er kurz davor, loszufahren. Er. Allein das wäre Grund genug, die ganze Sache abzublasen. Normalerweise löste der Gedanke an Männer in ihr ebenfalls Brechreiz aus. Und wahnsinnige Wut. Wenn sie ein Messer bei sich hätte, müsste sie aufpassen, nicht auf der Straße den nächstbesten Typen niederzustechen. Dachte aber auch daran, wie behütet sie wohl in der Psychiatrie oder im Gefängnis vor sich und anderen wäre. Drauf geschissen- Therapien hatte sie doch schon genug hinter sich und außer dem nur kurz währenden Gefühl, dass sich um sie gekümmert wird, half ja alles auch nichts. Alle versuchen sie zu verstehen, aber keiner kann es, sie geben sich alle so viel Mühe, zumindest in jungen Jahren. Auch sie würde sich gerne verstehen.

Auf Arbeit war sie immer zurückgezogen in ihrem kleinen, abgeschiedenen Büro, sprach fast nie mit jemandem. Er hatte es trotzdem geschafft sie anzusprechen, er war hartnäckig, interessiert und fasziniert zu gleich. Sie hat es irgendwann nicht mehr geschafft, ihre Blockade aufrecht zu erhalten und ein wenig Sympathie war wohl auch dabei. Bei jedem Gespräch stand ihr Körper trotzdem unter drückender Spannung. Sie begann sich zu überwinden, ihm anzuvertrauen. Nur ein ganz klein wenig.

Sie beschloss, sich anzuziehen, frisieren, schminken, die komplette Fassade eben. Es gelang ihr, ihre Angst unter vielen Farbschichten zu bedecken. Wenig später klingelte es, das Öffnen der Tür kostete viel Überwindung, sie lächelte ihn verkrampft an.

 Er hielt in der Hand einen Strauß Wildblumen, sie heuchelte Dankbarkeit und stellte sie in ein Glas mit Wasser, bevor sie gemeinsam gingen. Sie spürte den Geruch der von ihm ausging und stellte erleichtert fest, dass er nicht nach Mann roch. Das erleichterte die Sache für sie etwas.

Jetzt im Club, viele Beats, wenig Melodie, Schweiß und Befreiung breiteten sich aus. Der Rhythmus begann sie zu lösen, es war Ewigkeiten her, als sie das letzte Mal getanzt hatte. Die Momente, in denen die Bilder aus ihrem Kopf verschwanden, wurden häufiger und länger, es gab Berührungen ohne Abwehrreaktionen.

Irgendwann endete die Nacht gemeinsam auf ihrem Sofa mit einer Flasche Wein, Alkohol erreichte, was kein Psychologe schaffen könnte. Ihre Worte schwebten im Kerzenlicht durch den Raum und vereinigten sich, die Atmosphäre angesichts ihrer schreienden Bilder an der roten Wand wirkte befremdlich. Ein Hauch von Hirnfick, von geistigem Orgasmus lag in der Luft, sie war sich sicher, dass sie gar nichts sagen braucht, er weiß es schon.

Plötzlich begann sie seine Nähe an ihrem toten Körper zu spüren, stand hastig auf, meinte, sie müsse sich noch mal kurz frisch machen und verließ das Zimmer. Während sie sich umzog, betrachtete sie die Tränen auf ihrer Wange im Spiegel. Eine Weile stand sie regungslos so da, dann wandte sie sich ab, ging leise in die Küche und zog ein scharfes Messer aus dem Schubfach.

Er spürte die seltsame Spannung in der Luft, als er sie den Raum betreten sah. Aber auf einmal schien ihm alles egal, er legte sein ganzes Herz in sie und ihr Tun. Sie beugte sich über ihn und begann ihn mit zitternder Entschlossenheit auszuziehen. Vollkommen willenlos lag er da auf ihrem Sofa, sie hielt für einen Moment inne. Seine Haut schimmerte wie ein gelüftetes Geheimnis im fahlen Licht. Schönheit und Ekel so nahe beieinander. Als sie das Messer hervorzog, blieb er vollkommen ruhig. Es schien, als habe er darauf gewartet. Sie desinfizierte es vor seinen Augen und hielt es noch einmal kurz in die Höhe, man sah, wie sich die Flamme der Kerze in der Klinge spiegelte.

ES IST DAS RICHTIGE sagte er nur. Sie holte mit ruhiger Hand aus und führte den Schnitt sauber aus. Während sie ihn sorgfältig und mit scheinbar medizinischer Erfahrung verband, küsste sie ihn ständig auf seinen heißen, schwitzenden Körper. JETZT SIND WIR GLEICHBERECHTIGTE PARTNER. Während sie das sagte, rührte sie ihm Schmerzmittel ins Weinglas. Anschließend legte sie seinen Kopf auf ihren Schoß und fuhr ihm immer wieder mit der Hand durchs dichte Haar.

Irgendwann wachte er in der Nacht auf, sie saßen jetzt nebeneinander und betrachteten das blutige Päckchen aus Stofftüchern auf dem Tisch. Sie sagten beide kein Wort. Nur die Gedanken: Es war Liebe, was ihn entwaffnet hatte.


   
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