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RUNDGANG
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Weiterführung des Artikels Ausstellungsprozesse
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von Magdalene Schlenker
Die 69, vornehmlich jungen KünstlerInnen zeigten sich
in ständig wechselnden Formen: Große Gemälde, kleine Filme, Schaumstoff,
Styropor, Stuck und Samt. Der folgende Ausschnitt versucht, vor den vielen
guten Arbeiten, die in jeder Umgebung funktionieren, besonders solche
aufzunehmen, die sich näher am thematischen Rahmen zu befinden scheinen.
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Abb. 01
Abb. 02
Abb. 03
Abb. 04
Abb. 05
Abb. 06
Abb. 07
Abb. 08
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Abb. 10
Abb. 11
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“The true artist helps the
world by revealing mystic truths.”
Fangen wir mit einer unter 69 Arbeiten weniger auffälligen
Arbeit der Leipzigerin Julia Kurz (Abb. 01) an:
In einer ungenannten arabischen Großstadt brachte sie eine Art Reproduktion
der, in Form einer Neonspirale geschriebenen These des Konzeptkünstlers Bruce Nauman
an einer Häuserwand an: Der wahre Künstler hilft der Welt, indem er mystische
Wahrheiten aufdeckt. Unknown artist ist jedoch in arabischer Schrift
geschrieben, so dass der berühmte Satz seinen Wirkungsradius weiter vergrößert.
Derselben Inspirationsquelle verdanken auch zwei Neonschriftzüge mit den Worten
„life“ und „deaht“ ihre Existenz. Mit diesem Schreibfehler gelang es dem Däne
Heine Thorgaue Mathiasen zunächst, dass so manche Betrachtende ihre eigenen Sehgewohnheiten
überhaupt bemerken. Außerdem erleichtert sich für den Künstler das große Thema Leben
und Tod auf dem Weg zur Überwindung des Sagen-Wollens selbst um einige Tonnen
Pathos.
Gewichtig und dennoch so leicht, dass er einmal sogar bei einem
Annäherungsversuch umgestoßen wurde, thronte in einer anderen Ecke ein lebensgroßer
Schaumstoffgorilla von Anne Schwing (Abb. 03),
der sich scheinbar gerade aus einer Matratze geschält hatte. Weniger frei
hingegen fristete ein batteriebetriebener Spielzeughamster sein Dasein in einer
kleinen Plastikkugel, die durch seinen Bewegungsdrang unaufhörlich in ihrer
Vitrine rotierte – hoffentlich wird die HGB-Studentin Maria Schumacher (Abb. 04) dafür nicht vom Tierschutz bezichtigt.
Sehr menschlich mutete wiederum ein von Lucy Freynhagen (Abb. 05) positionierter Damenschlüpfer
(40/42) an, der mit der Schere zu einem Stringtanga umgestaltet worden war.
Karsten
Neumann (Abb. 06) legt auch Hand an,
und zwar in seiner eigenen Kreation Bethang – einer urbanen Utopie mit Hang zum
Plastik. Doch nicht nur die Skulpturen aus bunten Zivilisationsresten, auch
seine Kommunikation mit der Verwaltung dokumentieren, wie es so ist, in einer
eigenen Welt zu leben. Administrative Nichtachtung dokumentierte der Ire Sean
Lynch (Abb. 07) im Falle eines
uralten Weißdornstrauches, der einer neuen Straße im Weg stand, aber letztlich
nicht gefällt wurde, weil ein Engagierter dessen spirituelle Relevanz
verteidigt hatte.
Öfter wurde in der Ausstellung der implizierte Hinweis
gegeben, sich selbst zu beobachten. So exponierte der Theaterverein Internil (Abb. 08) mit unregelmäßigen Proben einen
Stückfindungsprozess, in dem alles Verkörperte als Anmaßung galt. Sehr körperlich
hingegen intervenierte Katrin Hanusch (Abb. 09) dann,
als sie ihre Arbeit, eine große Dekorationssäule aus weißem Stoff, kurzerhand mitten
in den Probebühnenraum hing.
Interaktiv aufgefasst konnten auch die
Holzpyramide Nils Mollenhauers (Abb. 10),
deren einer Fuß auf einem zur Selbstbedienung gedachten Stapel Informationspapieren
zur Arbeit ruhte, sowie Isabel von Schilchers (Abb.
11) spontane Bestückung des kleinsten Cubes der Halle mit einer
vielsinnigen Collage und ihrer photografischen Abbildung, von der sie sich
erhoffte, andere Künstler würden es ihr gleich tun und den kleinen Raum mit
ihren Arbeiten und deren Photografien füllen. Doch wie so oft: wenn keineR
dafür sorgt, passiert es nicht, vielleicht rührte daher auch der Titel der
Arbeit: versetzt. (bis einer weint).
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Yes, it´s fucking political
Um so sorgsamer verlief das ziel und zwecklose Umherschweifen
der „City Drifters“ von und mit Yvonne Anders (Abb.
12) in der Hallenser Innenstadt. Dem Tiefensee-Realexperiment der
arbeitslosen Stadtstreifen für mehr Orientierung und Sicherheit in Halle und
Leipzig stellten diese das ebenso existenziell notwendige Schlendern im
öffentlichen Raum entgegen. Anstrengender war es da schon, auf den vier Bändern
an einem roten Geländer gegen die Wand zulaufen. Die Künstlergruppe M&M (Abb. 13) gab für ihre Skulptur „Das
Solidaritätslied“ (je mehr mitliefen, desto leichter ging es) den Einsatz: „Vorwärts,
denn es gibt nur eine Richtung.“ Um die Ecke hingegen forderte eine
Installation des Münsteraners Stephan Us (Abb.
14), sich mit einem weißen Trageschild vor dem Kopf im Öffentlichen
Raum fotografieren zu lassen und das Bild an sein Archiv des Nichts zu schicken,
wo es dann zusammen mit diversen Bearbeitungen des Themas aufbewahrt wird.
Erstmals hatte der Künstler 2007 auf einer Biennale in Thessaloniki zum
Demonstrieren für Nichts aufgerufen, wo Demos ganz im Gegensatz zu Leipzig nicht
nur auf symbolischer Ebene laufen können. Im Winkelement Jirka Pfahls (Abb. 15) hingegen verbirgt sich hinter
einer weißen Styroporplatte eine argumentationslose Nahkampfwaffe. Ob Jan
Bleicher (Abb. 16) eventuell ihre
Benutzung vorschlug, als er neben einem kleinen Bildschirm, auf dem sich in kaum
noch sichtbarer Abwechslung die Worte Status und Quo abwechselten, ein weißes
A4-Blatt mit dem kleinen Wort handeln. platzierte, bleibt den Betrachtenden
überlassen. Handlungsanweisungen für die Kleinfamilie in
Katastrophensituationen gibt es bei einer us-amerikanischen Firma als
Schrittfür- Schritt-Anleitung zu sehen – El Vecino (Abb. 17) sei Dank konnten auch wir einen
Blick in das Filmmaterial werfen.
Intime Einblicke gab auch Sayeh Sarfaraz (Abb. 18) mit ihrem tagebuchähnlichen
„Integrations- Märchen, welches aus Problemen besteht, die sich unendlich
wiederholen“, vom Iran über Frankreich nach Kanada.
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Abb.19
Abb.20
Abb.21
Abb.22
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Abb.28
Abb.29
Abb.30
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The Real Itself
Weiterhin waren so manche Arbeiten zu sehen, in denen
es um Bewegung und Zeit ging. Beispielsweise zündete Tassilo Letzel (Abb. 19) eine kleine Rakete, deren
Spuren jedoch in gelenkter Kreisbahn eine der Wände zierten. Bemerkenswert
außerdem eine kleine Maschine, die auf dem maroden Hallenboden stand und eine
lange Schlaufe aus dünner Schnur um sich durch die Luft rotieren ließ – Marcel
Tyroller (Abb. 20) nahm auf diese
Weise ohne viel Material doch viel des knapper werdenden Raumes ein.
Das
Projekt konnte außerdem von einem nicht von außen zu beeinflussenden Effekt
zehren: Teilweise nahmen die präsentierten Arbeiten Bezug aufeinander. Von
Anfang an wurden Materialien geteilt, andere Werke als Reproduktionen integriert
oder sogar neu bearbeitet. In Form von durchaus aggressiven Überblendungen wurden
Werke überhängt oder übermalt. (Abb. 21) Im
Fall der Gesims-Installation an einem der die unüberschaubaren Quadratmeter der
Halle bekleidenden white cubes entwickelte sich gar eine Art konzentrierter
Sozialisation: Ilja Drewniok (Abb. 22) beugte
sich nach anfänglich strikter Anordnung, keine anderen Kunstwerke an oder um
den Kubus zu platzieren, dem Arrangement anderer Interessen. Schließlich
korrespondierten die meisten der sich anschmiegenden Arbeiten ohne ein Ablenken
der Aufmerksamkeit mit dem ursprünglichen Medium bzw. seine Aura.
Der
Offenburger Stefan Strumbel (Abb. 23) lud
hingegen zwei Künstler der Gruppe Krauts (Abb.
24) ein, seine Wände umzugestalten, auf denen unter dem schönen
Titel What the fuck is Heimat Jagdgeweihe und eine eigens produzierte Kuckucksuhr
in Neonfarben kontrastreich platziert worden waren. Die Sprayer beließen allein
die Uhr an ihrem Platz und setzten mit einem zum Gebet erhobenen
Schweinehaxenpaar einen neuen Akzent. Stephan Jäschke (Abb. 25) nahm sich selbst zurück, indem
er seine in Neonklebezetteln geschriebenen Formel The Real Itself während der Ausstellung
gegen einen winzigen einzelnen Aufkleber mit den selben Worten eintauschte und
so nur noch einen Bruchteil des Platzes benötigte.
Dem sakralen
Hochspannungsfeld entsprungen schienen auch die Segnungsmaschinen von Helen
Acosta Iglesias (Abb. 26) aus
Hannover – kleine halbrunde Holzapparate mit elektrischer Kruzifixzierungsfunktion,
die jeden segnen, der den Knopf bedient. Jana Engels Audioinstallation im
Eingangsbereich baute hingegen auf der Antrittsrede des amtierenden Papstes
eine an den Kunstbetrieb angepasste Rede auf, deren liturgischer, ja
lethargischer Pathos die ganze Schau kontrastbildend einleitete. Übrigens hatte
eine gewisse Beate Engl zwei Jahre zuvor ähnliches mit einer Rede Rosa
Luxemburgs auf dem Dach der Halle veranstaltet.
So fügten sich häufig
indirekte, aber auch direkte künstlerische Kommentierungen des Prozesses in die
Ausstellung ein. So sprühte Mathias Müller (Abb.
27) kurzerhand seinen auch also Aufkleber in der ganzen Stadt
wahrnehmbaren Leitspruch: Uns gefällt alles!Einer spitzte das entstehende
Verhältnis der Teilnehmenden in einer ambivalenten Performance zu: An seine
Wand mit der Aufschrift „Mir doch egal, was zuerst da war“ schmiss der
Leipziger Andreas Miller (Abb. 28) höchstpersönlich
das Ei der Missachtung. Mit einem sixpack Klebeband beteiligte sich Jörg
Schütze (Abb. 29) unter dem Titel
Dabei sein ist alles.
Tibor Müller (Abb. 30) hängte
in der letzten Phase der Ausstellung überdimensionale Duftbäume an verschiedenen
Stellen auf. Zum Glück und wegen Nichtbedarf geruchsneutral.
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Hallo, ich möchte dazu noch etwas anfügen: „mittelmäßig“ klingt
offensic...
interessantes interview...ich würde schon gern wissen, wie denn eine
...
Falls es jmd. interessiert - zum Automatique Clubbing habe ich ein paar Fotos...