Sie hat jetzt etwa fünfzehn Minuten lang
gespielt. Sie beendet ihr Spiel und dreht sich langsam um. Er sitzt in der Ecke des grünen Sofas. Er hat der Musik gelauscht und war dabei in
Träume verfallen. Sie blickt ihn jetzt an. Er schaut zurück. Er kann nicht ganz einordnen wie sie blickt. Es ist sehr intensiv. Er denkt sich,
dass solch ein Blick normalerweise nur möglich ist, wenn man ein gewisses Vertrauen entwickelt hat bzw. dass man erst dann diesen Blick wagen darf.
Er fragt sich warum sie das tut. Er blickt zurück und bleibt standhaft. Vielmehr hängt seine Standhaftigkeit damit zusammen, dass er noch in
der sachlichen Analyse der Situation ist. Sie blickt immer noch. Der Blick dauert jetzt schon länger als ein paar Sekunden. Dabei bleibt sie mit
ihren Augen intensiv und dringt in ihn ein. Er bemerkt das. Er sieht seine Mauern vor ihm. Sorgfältig errichtete Schutzwälle. Es sind mehrere
Verteidigungsreihen. Sie sind mehr als doppelt abgesichert. Durch Rituale und Sicherheitsmechanismen nahezu unzerstörbar. Möglicherweise kann
es vorkommen, dass die erste Reihe beschädigt wird oder gar zerstört, aber es gibt mindestens fünf weitere Reihen dahinter und diese
stehen seit je her unberührt. Nun sieht er diese Mauern vor sich und erkennt, dass sie mit ihrem Blick in ihn eindringt. Er sieht die Mauern. Sieht
ihren Blick. Beides prallt aufeinander. Die erste Mauerreihe zerberstet. Ist zerstört. Der Blick weiterhin ungebremst. Trifft auf die zweite Reihe.
Auch diese geht zu Grunde. Zerbricht einfach in der Mitte. Die nächste Reihe explodiert. Es ist nicht aufzuhalten. In Sekundenschnelle sind seine
Verteidigungswälle überwunden und zerstört. Sie ist in ihm. Er bemerkt es. Seine sachliche Haltung schwindet. Er bekommt Angst. Sie
hält ihn fest mit Ihrem Blick. Er ist ihr ausgeliefert. Seine Augen zittern. Sie muss seine Schwäche sehen. Er ist jetzt nicht mehr sicher, sie
könnte stechen. Sie blickt weiterhin fest. Sie scheint etwas zu erkennen. Sie ist zu weit vorgedrungen. Wie hat sie das geschafft. Er flucht
innerlich. Weicht jetzt ihrem Blick aus. Hat noch nie verloren. Hat alle Blickkontakte stets gewonnen. Seine Abwehrwalle waren unüberwindbar. Fragt
sich, wie sie das geschafft hat. Er fühlt, dass sie immer noch blickt. Die gesamte Situation dauert jetzt schon mehr als eine halbe Minute. Er
schaut kurz und unkontrolliert zu ihr. Sie blickt immer noch. Unverändert. Sie muss seine Niederlage erkannt haben. Er schämt sich, dass er
ihrem Blick nicht standgehalten hat. Sie ist in ihm. Er hat verloren. Warum ist das geschehen. Sie lächelt. Hat vermutlich etwas erkannt. Er blickt
zurück. Beginnt zu prüfen. Was hat sie gesehen. Hat sie es erkannt. Er denkt über die Situation nach. Er weiß, dass er sehr
verletzen kann. Dass auch sein Blick in Tiefen durchdringt, auch wenn der Gegenüber das nicht zulassen will. Es ist ihm schon oft gelungen. Er
bemerkt, dass er ebenso verloren hat, weil er nicht zulassen konnte, dass er mit seinem Blick in sie eindringt. Er wollte diese Schönheit nicht
zerstören. Er hätte es sicher getan, wenn er weiter geblickt hätte und seinerseits diese offensive Haltung eingenommen hätte. Er ist
der Überzeugung, dass es ihm nach hartem Kampf gelungen wäre sie zu schlagen. Aber er wollte es nicht. Dafür ist sie zu kostbar. Das
könnte er nicht verantworten. In ihr ist so viel Schönheit, Größe und Stärke. Alles hätte er vernichtet. Was wenn …
Er erschrickt. Er hat in seiner Situationsanalyse die Kontrolle leicht schweifen lassen. Er hat nicht registriert, dass sie sich ihm genähert hat.
Sie ist jetzt ganz dicht. Er spürt ihren Atem. Er riecht ihren Duft. Er kennt diesen Duft. Es ist wie Himmel. Es ist der Duft der ihm die Kontrolle
nimmt und Schönheit schenkt. Er möchte die Kontrolle nicht verlieren. Aber diese schwindet. Er hält sie fest. Sie zieht zu stark. Er kann
nicht gegen halten. Sie ist nun ganz nah. Er fühlt ihre Wärme. Sie strahlt in sein Gesicht. Dringt unter seine Haut. Dringt noch weiter vor. Er
sieht verschwommen ihr Gesicht. Es ist so rein und weiß. Sie blickt in ihn. Er verliert kurz seine Sicht. Muss die Augen schließen. Sie hat
weiche Lippen. Sanft berührt sie seine Wange. Der Duft, die Wärme, diese Sanftheit. Es dreht ihm. Er hat die Kontrolle verloren. Er muss die
Augen öffnen. Es geht nicht. Es brodelt rot. Ihm wird schwindlig. Sie fährt jetzt langsam mit ihren Lippen über seine Wange. Es sind
tausend Explosionen auf solch kleiner Fläche. Er vergisst zu atmen. Atmet ihren Duft. Ist benommen. Kann nichts sagen. Kann seine Hände nicht
nutzen, um sie weg zuschieben. Sie gleitet sanft in Richtung seines Mundes. Ihre Augen sind geschossen. Ihr Harr tanzt engelsgleich. Sie berührt ihn
mit ihrer Hand an seiner Brust. Stützt sich dort leicht auf. Gleitet sanft an der Wange in Richtung seines Mundes. Er hält dieses Gefühl
nicht aus. Es ist zu groß. Er hat es stets gebremst und gefesselt. Es ist zu mächtig, es darf nicht vordringen. Er kämpft. Sie ist kurz
vor seinem Mund. Setzt kurz ab. Er spürt Ihre Lippen trotzdessen noch. Eine Sekunde, die ewig ist. Berührt ihn jetzt wieder an seinen Lippen.
Drückt sicher, aber sanft, mit Überzeugung und Kraft, Stärke und Sicherheit eines tiefen Vertrauens ihr Lippen auf seine Lippen. Bleibt
dabei weich und leicht. Wie eine Feder. Ab jetzt vergisst er. |
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von: Anastasia 15-09-2007