Ich sehe aus dem
kleinen Fenster des Krankenwagens - Die Welt draußen scheint ganz normal zu
sein; meine steht Kopf. Ich war Einkaufen, an einem ganz normalen Tag in meinem
Leben, das ich inzwischen für ziemlich durchschnittlich hielt. Dann kam sie
wieder, die Angst. Sie war einfach da und ich zerbrach wieder an ihr, die ich
längst besiegt glaubte. Ich fühlte sie kommen, langsam hat sie sich in mir
ausgebreitet, ich dachte, ich würde es schaffen. Ich habe es nicht. Die Welt
ist mir entrückt, ich wurde auf diese unerträgliche Weise leicht, haltlos,
durchsichtig. In meinem Kopf waren nur zwei Gedanken: >Ich löse mich auf
< und >Ich brauche jemanden, der mich vor mir beschützt<. Ich habe
mich zum Informationsstand des Bahnhofs geschleppt, dort bin ich zusammengebrochen,
habe geweint, konnte nicht sprechen. Ich wurde im Rollstuhl quer durch den
Bahnhof zum Erste-Hilfe-Zimmer gebracht. Lange habe ich mich nicht mehr so
geschämt, versuchte mein Gesicht hinter meinen Händen zu verbergen und das
Zittern, das meinen Körper beherrschte, zu unterdrücken. Sie haben mich vieles
gefragt, ich habe nur mit dem Kopf geschüttelt. Dann hörte ich die Sirenen. Der
Krankenwagen kam. Sie haben mich reingesetzt, angeschnallt und wir fuhren los.
Keiner sprach.
Der Blick aus dem
Fenster verwirrt mich noch mehr. Ich glaube, die Menschen auf der Straße können
mich sehen. Ich sehe das Krankenhaus und bin erleichtert. Ich glaube mich in
Sicherheit. Sie stellen mich auf dem Gang ab, dort warte ich etwa zehn Minuten,
stets unter den wachsamen Augen des Sanitäters. >Es tut uns leid, aber für
Fälle wie den ihren sind wir leider nicht zuständig<. Zurück in den
Krankenwagen. Nach einer kurzen Fahrt kommen wir an - Psychiatrie. Eine Ärztin
kommt mir entgegen, freundlich, aber vorsichtig. Ich folge ihr zu einer
Glastür, Schlüssel rein, umdrehen, Tür öffnen, durchgehen, wieder verschließen.
Da bin ich also, geschlossene Station. Ich habe keine Ahnung, was als nächstes
passiert. >Setzen sie sich dort hin und warten sie, ich bin gleich zurück.<
Gut, ich setze mich, rauche eine Zigarette und warte. Es erstaunt mich, erneut
festzustellen, dass die Zeit in der Psychiatrie soviel langsamer vergeht. Ich
erinnere mich an die anderen Klinikaufenthalte und ja, die Zeit vergeht einfach
nicht. Es ist still, um dich schleichen andere Irre, keiner lächelt, keiner hat
ein Ziel, sie laufen hin und her, rauchen, warten, ticktack, ich seh auf die
Uhr, es ist eine Minute vergangen. Nach exakt 24 dieser „Psychiatrie-Minuten“
kommt die Ärztin wieder. Wir gehen in ein kahles Zimmer, sie schließt die Tür.
Gespräch. Name, Alter, Beschäftigung, frühere Befunde, >Nehmen sie
Medikamente?< usw., nach geschätzten 20 Minuten verlassen wir das Zimmer,
ich soll wieder warten. Weg ist sie. Wieder vergehen etwa zwanzig Minuten, dann
kommt sie zurück, will, dass ich ein Medikament „zur Beruhigung" nehme
(ich habe keine Lust zu reden und nehme es), gibt mir einen Termin für die
nächste Woche und auf mein Bitten darf ich gehen. Ich muss nur noch auf S.
warten, die mich abholen und ins Krankenhaus bringen soll, für ein paar
Kontrolluntersuchungen, wie die Ärztin sagt. Eine weitere halbe Stunde vergeht,
dann kommt sie und wir verlassen die Psychiatrie. Die Freiheit riecht anders,
wenn man von einer geschlossenen Station kommt. Im Krankenhaus angekommen
warten wir etwa drei Stunden, dann darf ich endlich nach hause. Ich bin frei,
darüber staune ich.
Zuhause
erledige ich ein paar Kleinigkeiten, S. und ich essen gemeinsam, dann gehe ich
in mein Zimmer. Tür zu. Stille.
Körperlich bin ich erschöpft, völlig erschlagen. Die
Medikamente zeigen ihre Wirkung. In meinem Kopf rasen tausend Gedanken. Erst
mal muss ich rausfinden, welches Medikament die mir gegeben haben. Ich setze
mich an den Computer. Aha, es handelt sich um ein „atypysches Neuroleptikum“
und wird in der Psychiatrie häufig zur Behandlung von „schizophrenen Psychosen“
eingesetzt. Danke. Ich krame das
Formular, das sie mir bei der Entlassung gegeben haben, heraus. Befund:
„Borderline Persönlichkeitsstörung“ - war ja klar.
Meine
Gedanken schweifen ab. Ich betrachte meinen Arm, er sieht heute anders aus. Ich
schnippe dagegen – nichts. Ich folgere daraus, dass dieser Arm nicht meiner
ist, das macht mir Angst. Stell dir vor, du entdeckst an dir ein Körperteil,
das nicht zu dir gehört. Natürlich sagt mein Verstand mir, dass das mein Arm
ist, aber gegen dieses Gefühl kommt er nicht an. Ich zwicke den Arm. Immer noch
nichts. Es kann unmöglich mein Arm sein. Wie spät ist es? 1:16. Wie lange hab
ich jetzt hier gesessen und meinen Arm angestarrt? Ich weiß es nicht. Ich war
gegen 22:30 zuhause. Essen und das Nötigste erledigen: etwa eine Stunde. Also
23:30, gut vielleicht 23:40, sicher nicht später. Rausfinden, welches
Medikament ich intus habe und Befund lesen, höchstens 10 Minuten. Es bleiben 26
Minuten, die ich vermutlich auf meinen Arm gestarrt habe. Meine Rechnung
befriedigt mich nicht, ich will es genau wissen. Es macht mir Angst, wenn ich
„die Zeit verliere“. Ich glaube, diese Bezeichnung beschreibt meine Situation
am besten. Da ist sie, die Panikwelle hat mich erreicht. Ich zittere. Wieder
verspüre ich diesen Drang... und er wird stärker. Ticktack. Gut, ich höre die
Uhr, ich muss die Zeit im Auge behalten. Ticktack. Es beruhigt mich nicht. Ich
gehe auf und ab. Ticktack. Die Sekunden scheinen nicht regelmäßig zu vergehen. Tick......tack, ticktacktick, tick. Ich setze mich in eine Ecke meines Zimmers und
schließe die Augen. Es hilft, wenn ich nichts sehen muss.
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