Das Schreiben
hilft mir. Seit ich denken kann, habe ich geschrieben, ich habe alles
festgehalten. Die Gedanken in meinem Kopf sind chaotisch, aber wenn ich sie
aufschreibe sind sie geordnet. Ich mag die Ordnung, sie sorgt dafür, dass ich
mich sicher fühle. Ich brauche das Schreiben, um zu wissen, was geschehen ist.
Von den Dingen, die nur in meiner Erinnerung existieren, kann ich nie mit
Gewissheit sagen, ob sie geschehen sind oder nicht. Wenn ich sie aufgeschrieben
habe, müssen sie geschehen sein, sie können kein Produkt meiner Phantasie sein.
Es
spielt für mich keine Rolle, ob eine Erinnerung schön ist, oder nicht. Das
einzige, was zählt ist, ob sie wahr ist oder falsch, real oder nicht. Deswegen
mag ich meine Tagebücher. Sie sind wahr. Ich kann mich darauf verlassen, dass
das, was in ihnen steht wirklich passiert ist. Ich lese sie manchmal, wenn ich
Angst habe, es beruhigt mich. Ich habe oft Angst. Vor vielen Dingen. Aber die
Schlimmste ist die, für die ich keinen Namen habe. Es ist das Gefühl, meinen
Körper nicht mehr wahrzunehmen, als würde man über sich selbst schweben und die
leere Hülle unter sich betrachten. Auch die Umwelt ist verzerrt. Sie scheint
unerreichbar weit weg zu sein. Als säße man in einem geschlossenen Aquarium, es
ist unmöglich die anderen zu erreichen. Dennoch fürchte ich, dass sie mich
berühren können, dass sie sehen, was in mir vorgeht, dass sie erkennen, wer ich
bin. Auch die Zeit ist verändert, langsam, zäh, dann wieder schnell, als würde
man das Leben vorspulen. In den Momenten dieser Angst rasen Millionen von
Gedanken durch meinen Kopf, es ist als würde es unaufhörlich in mir schreien.
Ich kann nicht sagen, wonach meine Gedanken schreien, denn wenn ich versuche
ihnen zuzuhören, das Knäuel der tausend Worte zu entwirren, ist da nichts. Es
ist, als würde plötzlich alles in mir verstummen. Aber ich fühle die Schreie
noch, das Nachbeben. Ich höre weg und es wird wieder laut in mir – unerträglich
laut. Ich habe gelernt das es nicht hilft, dagegen anzukämpfen. Ich weiß, dass
ich verliere. Ich habe immer verloren gegen die Stimmen. Trotzdem kämpfe ich –
jedes Mal. Diese namenlose Angst hat
mich in den Krankenwagen gebracht; in den Krankenwagen, der mich zurück in
meine Vergangenheit gefahren hat.
Meine Erinnerung an diesen
Tag ist unklar und ich habe nicht alles aufgeschrieben. Aber einen Gedanke, den
ich in diesem Krankenwagen hatte, habe ich nicht vergessen. Ich weiß, dass ich
versuchte diesen „Zwischenfall“ in mein Leben, mein Bild von mir einzuordnen
und ich dachte: „Es ist, als hätte jemand die Zeit um mindestens drei Jahre
zurückgedreht.“ Dieses Gefühl durch die Zeit gesprungen zu sein blieb noch
länger bei mir. Noch etwa eine Woche danach war ich mir nicht sicher, ob all das, was in den drei Jahren davor
geschehen ist, Wirklichkeit war. Ich habe es nachgelesen. Mein Gefühl sagte mir
trotzdem, dass das alles unmöglich wirklich geschehen sein konnte, wenn ich
jetzt so einen „Rückfall“ erleide. Ich konnte und wollte sicher auch nicht
glauben, dass ich in einer derart
glücklichen Phase wieder so tief fallen konnte.
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