(endlich mal etwas aus der Kiste mit den alten, nie versendeten Briefen)
Eine Nadel
Der Schnee hängt in den Baumkronen,
die Blätter sind längst verweht,
in alle Richtungen wurden sie davongetragen.
Die Kristalle auf den Zweigen wohnen,
sie davor in den Wolkenbetten lagen,
und sie warteten auf die richtige Zeit.
Dezember nun vor unserer Tür steht,
jetzt können sie fallen voll Eitelkeit.
Durch die Wärme werden sie zurückgetrieben,
der Frühling für sie so voller Kälte steckt.
Neue Blätter füllen die Bäume,
ihre bunte Farbe ist nicht geblieben,
aber das Grün weckt neue Träume.
Die Menschen gehen hinaus in die Welt,
weil der erste Sonnenstrahl sie weckt.
Neue Fragen sie vor Entscheidungen stellt.
Keine Wolke ist am Himmel zu sehen,
Blau erstreckt sich soweit man blicken kann.
Die Sonne kitzelt jedem im Gesicht.
Es ist nur das übliche Geschehen,
wenn man erblickt aus anderer Sicht.
Warm ist es, die Kinder draußen spielen;
es folgt fast immer ein Lachen sodann.
Doch bin ich nicht einer der Vielen.
Diese Einsicht kommt spät nach Hause
und die Blätter färben und sinken.
Bald werde ich Kälte wieder spüren.
Es war für sie nur eine kleine Ruhepause,
damit sie den Boden nicht stetig berühren.
Vielleicht schon morgen wird der Kreis vollendet,
der allen Anfang wird mir entgegen winken;
keine Sonne länger mehr, die mich blendet.
Ich bin eine Nadel, hänge am Aste –
das letzte Grün am Waldesrande.
Die Kristalle werden erneut geweckt,
schon der Sommer nach mir fasste.
Keine Kraft mehr in mir steckt.
Noch wenig länger, ich halt' nicht stand.
Welch eine Schmach und Schande,
wenn ich auch auf den Boden land'
(30.10.2003 - 04.01.2004)
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von: 21-03-2008