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Konsequenz und ihre Konsequenzen
(2 votes)
 

von fremdkoerper,

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Die Maschinenpistole hab ich selbstverständlich hinterm Güterbahnhof gekauft. Wie im Film. Nur, dass ich im Film bestimmt gelinkt worden wäre, da ich von solchen Dingen eigentlich keine Ahnung hab. War natürlich nicht gerade billig, aber das war ja jetzt auch egal. Habe nämlich beschlossen, alle umzulegen. Amok laufen, wie der Tagesschausprecher sagen würde. Leben auslöschen, die sowieso nur eine Täuschung waren. Nein, ich bin eigentlich kein Mörder. Menschen, die nie gelebt haben, kann man schließlich nicht umbringen. Nennen wir es das Beenden des Stoffwechsels. Das klingt auch nicht so emotionsgeladen. So richtig vorstellen wollte ich mir das aber auch nicht. Konnte ich auch gar nicht, denn wenn ich Blut sehe, wird mir schlecht. Ist aber jetzt nicht das Problem, denn um das durchzuziehen, muss man eh die Augen schließen und blind sein.

Warum ich das jetzt machen wollte, wusste ich auch nicht so genau. Wahrscheinlich denkt jeder im Laufe seines Lebens mal daran, all diese heuchlerischen Menschen umzubringen. Und merkt dann, dass er selbst einer von ihnen ist und lässt es doch bleiben. Vielleicht schlägt er dann noch manchmal seine Kinder aber ansonsten ist ihm von all dem Gewühle nichts mehr anzumerken. Ich hatte einfach so die Idee. Also eine von meinen tausend Persönlichkeiten. Eine Persönlichkeit allein hat normalerweise nicht so viel zu sagen, aber die anderen schwiegen oder forderten Konsequenz ein, obgleich sie nie auf die Idee eines Amoklaufes gekommen wären.

Der heutige Tag, der Tag des Geschehens, begann. Hat gar nicht so lang gedauert, von der Idee bis zur Umsetzung. Hatte früher auch nie solche Ideen. Draußen war die Sonne gerade aufgegangen und ihre Strahlen spielten mit den umherfliegenden Blättern. Den Blick für das Schöne sollte man nie verlieren. Ich blieb noch eine Weile im Bett liegen und beschloss, die erste Vorlesung zu schwänzen. Hatte ja noch den ganzen Tag Zeit. Während ich später die vor Blut triefende Zeitung las, dachte ich, wie leicht es wäre, anders zu entscheiden. Ich hatte die Möglichkeit dazu. Bin ja schließlich ein selbstbestimmtes Individuum. Ha! Ich bin so was von frei! Aber ich wollte zum ersten Mal in meinem Leben was durchziehen, was zu Ende bringen. Bis jetzt war ich völlig orientierungslos und lieber so ein Ziel, als gar keins.

Ich betrachtete noch mal die Kanone, die ich erstanden habe. Das schwarze Metall war eiskalt und glänzte Furcht einflößend im Sonnenlicht. Ich legte sie in meine Hände, sie erschien mir als Fremdkörper, überhaupt nicht zu mir passend. Trotzdem fühlte ich die Macht, die von ihr ausging. Haben Menschen erfunden, um andere Menschen zu töten. Oder von anderen Menschen getötet zu werden. 

Irgendwann packte ich dann MP und Munition in meinem Rucksack und stieg aufs Fahrrad, nachdem ich noch mal das alte, heruntergekommene Haus betrachtet habe, in dem ich wohne. Menschenwerk. An diesem Tag fuhr ich wie ein Wahnsinniger mitten durch den Verkehr, über rote Ampeln und Straßenbahnen in die Quere. Alles in der Hoffnung, das Leben würde anders über mich entscheiden, wenn ich es schon nicht konnte. Ich wollte mein Leben in die Gewalt jener höheren Macht legen, an die ich nie geglaubt hatte. Worin ich heute bestätigt wurde. Adrenalin schärft die Sinne und so kam ich in Rekordzeit vor der Uni an. Es war noch nicht mal Pause, ich hatte also noch Zeit, die Herbstsonne zu genießen. Um mich herum saßen noch einige andere Menschen. Der Wind wehte ihnen die Haare, insofern sie lang genug waren, ins Gesicht und sie sahen ganz harmlos aus, ja erzeugten sogar ein Gefühl von Wärme und Freude bei mir. Aber trotzdem waren es Menschen. Der Wahnsinn der Evolution. Ich verwarf das letzte Mal den Gedanken, alles abzublasen.

Langsam kam Leben auf den Platz. Hunderte leerer Hüllen mit lachenden Gesichtern strömten in alle Richtungen. Ich wartete noch einige Minuten und dann ging ich langsam und trotzdem schnell atmend in Richtung Hörsaal. Er war schon ziemlich voll. Ich setzte mich allein in die letzte Reihe und betrachtete die vielen Köpfe vor mir. Jetzt waren sie alle Ziele. Wie in einem Computerspiel. Hab aber nie Counter Strike oder so was gespielt. Das wird den Psychologen sicher Rätsel aufgeben. Sie werden nach lauter und morbider Musik in meinem CD-Regal suchen und auch da werden sie Pech haben. Sie verstehen nichts von der Ästhetik des Todes. Ich passe nicht in ihr Raster.

Von den nächsten Sekunden bekam ich nicht mehr so viel mit. Nur, dass ich langsam den Rucksack öffnete und die Maschinenpistole herauszog. Ich stützte meine Arme auf den Pult, hörte noch, wie irgendjemand irgendetwas schrie und dann nahm ich nichts mehr wahr, nur noch das laute, rhythmische Knallen der Kanone.

Irgendwann erwachte ich aus meinem Rausch, sah nur ein expressives Kunstwerk mit viel Rot vor mir und hörte passend dazu Geschrei, welches aus einer Mischung aus Angst und Schmerzen bestehen zu schien. Das war der richtige Moment, den Lauf in meine Richtung zu halten.

Ich habe nie einen Abschiedsbrief verfasst und Selbstmord war eigentlich gar nicht meine Absicht. Die Psychologen werden das freilich anders sehen. Es ging mir lediglich um Konsequenz. Und diese Handlung hier, war das einzige Konsequente, was ich in meinem Leben je fertig gebracht habe. All die Menschen hier waren auch nicht weniger wert als ich, ich war genauso leer und unbedeutend und so konnte es nur konsequent sein, mich in das Schauspiel einzubeziehen.

Den Knall hörte ich noch und dann war es ein einziger Sinnesrausch, mir war als würden alle Sinne in höchster Intensität miteinander verschmelzen. Die Schönheit des Todes. Kein Wissenschaftler weiß davon.


   
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von: annielux 31-03-2008

Abgründig!!! Fein.Fein.

 

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