Du läufst durch die Nacht. Die Hände
in den Taschen, blonde Strähnen auf der schwitzigen Stirn. Mit hängendem
Blickt, lauschst der Leere im Kopf. Das enge Oberteil umspannt deinen kräftigen
Körper. Die beißende Kälte des Herbstes, du spürst sie nicht. Laufen, einfach
nur Laufen, der linke Fuß jagt den rechten. Hasten durch die Nacht, dieser
Leere entkommen. Tunnelblick zum Boden. Hundescheiße, ausweichen und weiter,
nur weiter. Das Geschwür nähert sich wieder. Weiter, rechts links, rechts
links, weiter, du rennst. Sperrmüll am Straßenrand, ein alter Holztisch, ein
Sofa. Jetzt nicht ruhen, weiter. Die Tanzbar, Rettung. „Drei Euro.“ Der
Türsteher. Eine Wand aus schweißigem Rauch schlägt gegen dein pochendes Herz. Bewegen,
du musst dich bewegen, es packt dich wieder. Körperdrehungen zum Takt. Der
dumpfe Rhythmus durchfährt deine Glieder. Trockene Lippen, der Körper durstet,
der Geist auch. Du tanzt dich wild. Deine Lider geschlossen, der dröhnende
Klang füllt dich aus. Im grellen Rot der Musik, zwischen den puppenhaften
Tanzmenschlein, blitzen ruckartig deine Glieder auf. Gerülpster Bierdunst kratzt
in deinen Nasenlöchern doch dein Geist spürt nichts. Es ist ein Moment der körperlichen
Reizüberflutung, Auslastung deiner fleischlichen Tarnung. Nur ein Atemzug der
Ablenkung.
Tanzen, schneller. Dein Geist
erhöht das Tempo, dein Körper auch. So drehst du dich rasant auf der Fläche.
Noch einmal und wieder, die Zeigt schlägt gegen dein verzerrtes Lächeln. Noch
schneller, alles abschütteln dann bist du zu müde, Tanz dich kaputt, tanz
diesen Körper kaputt. Bebender Boden, du schüttelst es von dir. Diese Gleichgültige
Gefühlsarmut, ein hungriges Geschwür. Es zerfurcht die Magenwand, nagt an Resten
vom Vortag, lästige Reste. Du kannst es nicht abschütteln.
Dein Lächeln schwindet, deine
Lider heben sich, ihr strahlendes Blau schreit gegen laute Regsamkeit.
Herausgerissen beschaust du die tanzenden Leiber. Dein Körper zeigt nun keine
Regung mehr. Und du begreifst: Da ist kein Gefühl, das in dir brennt, keine
Leidenschaft, die dich begeistern lässt, da ist keine Seele, die dich belebt.
Die beschleunigten Schritte
deiner zitternden Knochen treiben dich durch die Masse. Der Ausgang. Tief graben sich deine Finger in die
Taschen deiner Hose. Heißer Brechreiz kondensiert gegen die Feuchte der Nacht. Lauf
weiter, rechts links, rechts links, Tunnelblick. Du durchquerst die
Straßenbahnunterführung, nur Dreck, überall dieser Dreck. „Entschuldige… äh…
entschuldigen Sie. Ich… äh, die Uhr, äh die Uhrzeit, kannst du, können sie mir
sagen wie spät es ist?“ Der Typ spricht dich mit Sie an. Den Blick auf die Uhr,
nennst du die korrekte Zeit 1:48 Uhr. Er kommt dir näher „Man kann hier nicht wohnen…“
Wieso quatscht der Dich eigentlich an, hat der nichts zu tun? Er stottert
weiter „… ich meine… äh, vorhin sind die mir wieder aufgelauert,… und…“ Wieso
latscht der neben dir her? „Wenn ich mit meinem Vater gehe dann lassen die mich
in Ruhe, aber vorhin da haben die sogar Steine geworfen, diese Prolls. Sieht
man mir denn gleich an, dass ich so bin?“
Kurzes Erstarren, der stechende
Pfeifton in deinem Ohr brennt die Hörfrequenz aus. Du siehst nur Bewegungen,
alles still, Stille mit einer hohen Frequenz an Schmerzen. Seine Stimme wird
wieder zu hörbaren Geräuschen. „… man kann hier nicht wohnen, ich… wollte nur
jemanden kennen lernen, deswegen… dahinten haben sie mal zwei Mädchen… äh…
denen haben sie die Brieftaschen geklaut…“ Er überlegt, die runzelige Stirn
verrät sein fortgeschrittenes Alter. „Ich
hab noch gesagt, sie sollen aufhören die Steine zu werfen, ich meine ich bin
schon volljährig, wenn ich da zuhauen… äh… will nur sagen ich tu dir nichts…“. Er
erinnert dich an D., gemobbt, Klebstoff im Haar, Blutergüsse am ganzen Körper.
Du weißt nicht was aus D. dann geworden ist, ist dir auch gleichgültig. Leben
heißt Selektion, nur der Stärkere siegt. Dieser Typ redet immer noch auf dich
ein. „ …Und? Können wir das mal machen…?“, fragt er. Du blickst ihm direkt in
seine müden, braunen Augen. „Na uns treffen und so reden, ganz freundschaftlich…
weil ich Kontakte knüpfen will, wohn noch nicht lange hier, ja ich komme aus…
Während er weiter seine Biografie erläutert, degradieren ihn deine Gedanken zu
einem armen Irren. Dir gefällt die Vorstellung, dass dieser kleine Typ sinnlos
durch die Dunkelheit rennt um sich Freunde zu fangen, sicher bist du nicht die
einzige, die unfreiwillig geschwätzige Begleitung von diesem Fänger hat.
„Da gibt es ein Cafe`…“ Beharrlich
läuft er weiter neben dir her. Dir reicht es jetzt. Er wird dich nicht fangen. Dein
Gang verschnellert sich, biegt in die Seitengasse ein und lässt die Nachrufe
des Fängers verhallen. Die nächste Einbiegung links dann weiter, du rennst über
den großen Platz. Den selbst ernannten Freund bist du los.
Dein Körper schwitzt, dein Geist
zittert. In deinem Magen jammert und klagt es, eine krampfende Wulst mit viel
Appetit. Nun bist du wieder in der Unterführung. Dein Blick streift beschmierte
Wände, welche wie Markierungen wirken. Du bist im Kreis gelaufen, Scheiße. Das
Geschwür im Magen, es knurrt, es giert. Du passierst die Ecke, wo die erwartete
Treppe nach oben führt und auf das Abendlicht trifft. Stufen hinauf, hinein in
die gefräßige Dunkelheit. Zwei Stufen mit einem Satz. Die Mittleren. Du schaust
nicht zur Seite, eine Ahnung befällt dich, das Geschwür lacht erwartend. Die Obersten.
Jetzt packt er dich am Arm, ein
fettes, männliches Etwas, er lehnt an der schmierigen Mauer. Seine Linke
massiert die offene Hose. Du schreist nicht, du wehrst dich nicht, entziehst
dich nicht der niederen Wollust. Dein Blick ruht starr auf die Licht streuende
Laterne. Sein Glied reibend, greift er lüstern nach dir. Die geweiteten
Pupillen spiegeln sich im blitzenden Blau. Fetter Körper, schweißglänzende
Stirn, panisch lüsterne Augen, begehrte Entleerung. Die Hand grabscht nach
deinen vollen Brüsten „Und was denkst du, was ich jetzt mit dir mache?“ zischt
es dem Grinsen hervor. „Meiner Vermutung zufolge wirst du mich jetzt ficken.“
SCHREIE -
Gelber Dunst füllt die Küche. In
der Pfanne spielt das brutzelnde Fett, es spielt mit dem unfertigen Spiegelei.
Es spritzt, springt, tollt und brät genüsslich, belustigt hüpft es aus der
Hitze und benetzt die Tageszeitung, welche du schon lang nicht mehr liest. Du
solltest sie endlich abbestellen. Das Fett krabbelt über die Buchstaben.
Unbekannter Mann tot aufgefunden. Die Gabel führst du zum Mund, das fettige Ei
hinein und weiter. Das enge Oberteil
umspannt deinen kräftigen Körper und das Geschwür in deinem Magen fragt
lächelnd: Hast du Lust zu tanzen?
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