Lange streifte ich umher, allein, ständig auf der Suche,
aber jeder Suchende muss gleichzeitig auch gefunden werden. Ständig traf ich,
aber wurde nie getroffen. Ich wich immer aus, vielleicht aus Höflichkeit,
vielleicht aus Angst. Vielleicht weil ich mich selbst ebenso wenig gefunden
hatte. Darum war ich ja auf der Suche, nach Menschen die mich finden. All mein
Handeln und Denken legte ich in diese Aufgabe und ansonsten wurde mir meine
Gegenwart immer unwichtiger. Ich merkte gar nicht, wie ich immer durchscheinender
wurde. Durchlässigkeit- das Licht der anderen schien durch mich hindurch, ich
konnte es nicht mehr reflektieren, was ja eigentlich eine Grundvoraussetzung
zum Gesehenwerden ist, und die Zeiten des eigenen Leuchtens waren schon lange
vorüber.
Eines Tages saß ich in meinem Zimmer, draußen fielen
Aprilwolkenstückchen auf die Straße und wurden überfahren. Starr blickte ich
aus dem Fenster und guckte ihnen zu. Bevor ich hinterher sprang, begann ich
aber nach mir zu suchen. Ich wühlte in den tiefsten Winkeln meiner Höhle, um
das Licht zu finden. Schweiß klebte in Fäden an mir, als ich erschöpft zu Boden
sank. Ich blickte auf unzählige offene Wunden, die ich unter ihren Verbänden
hervor gerissen habe, blickte auf Pflaster, die bereits von Staub bedeckt waren.
Nur die Wunden wirkten frisch wie früher. Sie waren im ganzen Zimmer verteilt,
manche schienen schon öfters notdürftig verarztet worden zu sein, aber da sind
wohl Pfuscher am Werk gewesen. Überhaupt, sah es schwer nach Unfall aus. Jetzt
erst wurde mir bewusst, wie ich in den letzten Jahren unsichtbar wurde. Meine
Hülle hatte ich solange abgestreift, bis nichts mehr von mir übrig war. Denn
sie war hässlich. Eine entstellte Gestalt, die nur insofern das Interesse
anderer Menschen erregte, wie man etwas Abnormes, Krankes betrachtet. Um das
Schaudern gegenüber den Fehlgriffen der Natur zu spüren. Damals nahmen mich die
Menschen noch war, und wichen mir aus. Um mich nicht zu berühren. Heute sehen
sie mich nicht mehr, ich weiche aus und nichts berührt mich mehr.
Ich erkannte, was der Preis ist, wenn man aus seiner Haut
fahren will. Aus der einen Haut, zu der es keinen Ersatz gibt, deren Narben und
offene Wunden sich im Laufe des Lebens mehren werden, sie sind ebenso mit mir
verbunden. Überschminken- vielleicht. Eventuell sollte man einen guten
Kosmetiker kontaktieren. Schichten aus Schminke auftragen und die Haut wird
dicker. Lieber eine falsche oder veränderte Haut, in der man immerhin
wahrgenommen wird, als gar keine.
Noch einmal der Blick in den Spiegel, das blanke Abbild,
doch ein lebloses, alle Menschen schienen nur Spiegel zu sein, je mehr ich
darüber nachdachte. Spiegel anderer Menschen oder der Menschheit- wer war
einmal das Original? Die Originale werden sterben. Eventuell unter Bewunderung,
aber sie werden sterben. Ich begann wieder in meine alte verstaubte Haut zu
flüchten, meine Originale waren meine Wunden. An tiefen Wunden wird jeder
einmal sterben, wenn er sie fortwährend sieht.
Ich beschloss zu leben, die Türen waren geöffnet, die
Fenster schon längst geschlossen und so vereinbarte ich einen Termin mit einem
befreundeten Schönheitschirurgen, ich wäre nicht sein erster Fall dieser Art.
Seine Methoden haben sich bewährt, es ist, als wäre man ein neuer Mensch. Seht
mich an- ein neuer Mensch.
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